Hochstapler-Syndrom
Von João Heep, Business-Coach für Coaches, Trainer und Berater, ehemals Trainer und Coach beim bekanntesten Speaker-Trainer im deutschsprachigen Raum
Kurz erklärt
Das Hochstapler-Syndrom (englisch Impostor Phenomenon) beschreibt das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben. Menschen mit diesem Gefühl erklären ihre Ergebnisse mit Glück oder Zufall und haben Angst, dass andere bald merken, dass sie "gar nicht so gut" sind. Es ist keine Diagnose, sondern ein Muster im Denken und Fühlen.
Was die Forschung sagt
Eine große Übersichtsarbeit hat 62 Studien mit über 14.000 Teilnehmenden ausgewertet. Je nach Fragebogen und Grenzwert hatten zwischen 9 und 82 Prozent der Befragten Hochstapler-Gefühle. Das Muster trat bei Männern und Frauen auf, bei Jüngeren und bei erfahrenen Berufstätigen. Es hing oft mit Angst, gedrückter Stimmung, geringerer Arbeitszufriedenheit und Burnout zusammen [1].
Die Spanne ist so groß, weil es kein einheitliches Messinstrument gibt. Forschende warnen deshalb davor, genaue Prozentzahlen ernst zu nehmen [2]. Sicher ist: Das Gefühl ist verbreitet, gerade bei Menschen, die viel leisten.
Frauen berichten im Schnitt etwas stärkere Hochstapler-Gefühle als Männer. Der Unterschied ist klein bis mittel [3].
Besonders eng ist der Zusammenhang mit einer bestimmten Form von Perfektionismus: der Sorge, vor anderen perfekt wirken zu müssen. Hohe Ansprüche an sich selbst hängen dagegen nur schwach damit zusammen [4].
Woran du es als Coach merkst
- Du hast zufriedene Kunden. Warum fühlt sich jede Empfehlung trotzdem wie Glück an?
- Du weißt, dass du zu günstig bist. Warum zögerst du, den Preis zu erhöhen?
- Du planst die nächste Ausbildung. Brauchst du sie wirklich, oder suchst du eine Erlaubnis?
- Du bekommst ein gutes Feedback. Warum erinnerst du dich nur an den einen Satz Kritik?
Was hilft
Belegt ist bisher wenig, weil es kaum gute Studien zu Gegenmaßnahmen gibt [1]. Eine Übersicht über 16 Reviews fand erste Hinweise, dass Coaching, Selbstlernmodule und Achtsamkeit die Stärke der Gefühle senken können. Die Qualität dieser Studien ist aber gemischt [5].
Was in Studien schützend wirkte: soziale Unterstützung, sichtbare Bestätigung von Erfolgen und das gemeinsame Reflektieren über das Gefühl [6]. Auch Selbstmitgefühl hängt deutlich mit weniger Hochstapler-Gefühlen zusammen [7].
Meine Erfahrung: Im Hot Seat sagt fast jeder Coach irgendwann den Satz "Bald merkt jemand, dass ich gar nicht so gut bin." Was dann hilft, ist kein Mut-Spruch. Wir schreiben die Ergebnisse der Kunden auf, schwarz auf weiß. Gegen ein Gefühl hilft ein Beleg mehr als ein Argument.
Was es nicht ist
- Keine Krankheit und keine offizielle Diagnose.
- Nicht dasselbe wie Bescheidenheit. Bescheidene Menschen sehen ihre Leistung und reden wenig darüber. Beim Hochstapler-Syndrom wird die Leistung selbst angezweifelt.
- Kein Beweis dafür, dass du wirklich nicht gut genug bist.
Häufige Fragen
Ist das Hochstapler-Syndrom eine psychische Erkrankung?
Nein. Es ist ein beschriebenes Muster, keine Diagnose. Es kann aber zusammen mit Angst oder Erschöpfung auftreten.
Geht das Hochstapler-Syndrom mit mehr Erfahrung weg?
Nicht automatisch. Studien finden es auch bei Menschen mit vielen Jahren Berufserfahrung [1].
Kann Coaching beim Hochstapler-Syndrom helfen?
Es gibt erste Hinweise darauf, aber noch keine starken Belege [5].
Quellen
- Bravata, D. et al. (2019). Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome: a Systematic Review. Journal of General Internal Medicine. DOI: 10.1007/s11606-019-05364-1
- Brauer, K. et al. (2026). Matters arising from Salari et al. (2025): Why it is (currently) impossible to estimate accurate prevalence rates of the Impostor Phenomenon. BMC Psychology. DOI: 10.1186/s40359-026-04987-4
- Price, P. C. et al. (2024). Gender Differences in Impostor Phenomenon: A Meta-Analytic Review. Current Research in Behavioral Sciences. DOI: 10.1016/j.crbeha.2024.100155
- Hill, A. P. et al. (2025). A meta-analysis of multidimensional perfectionism and impostor phenomenon. Journal of Research in Personality. DOI: 10.1016/j.jrp.2025.104639
- Gisselbaek, M. et al. (2025). Rethinking the impostor phenomenon: An umbrella review of concept, context and interventions. Medical Education. DOI: 10.1111/medu.70076
- Gottlieb, M. et al. (2020). Impostor syndrome among physicians and physicians in training: A scoping review. Medical Education. DOI: 10.1111/medu.13956
- Kornsawad, K. et al. (2025). Do I Belong? A Multivariable Analysis of Impostor Syndrome and Associated Factors in Female Physician Trainees. Journal of General Internal Medicine. DOI: 10.1007/s11606-025-09780-4
- Gullifor, D. P. et al. (2023). The impostor phenomenon at work: A systematic evidence-based review. Journal of Organizational Behavior. DOI: 10.1002/job.2733
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